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Magdeburg, den 26.03.2000

Neues Hilfsangebot für Opfer von Menschenhandel - Beratungsstelle "Vera" nimmt in Trägerschaft der AWO Arbeit auf

Ministerium für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales - - Pressemitteilung Nr.: 027/00 Ministerium für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales - Pressemitteilung Nr.: 027/00 Magdeburg, den 27. März 2000 Neues Hilfsangebot für Opfer von Menschenhandel - Beratungsstelle "Vera" nimmt in Trägerschaft der AWO Arbeit auf Magdeburg. Sachsen-Anhalt hat ein neues Hilfsangebot für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution konzipiert. Im Beisein von Frauenministerin Dr. Gerlinde Kuppe, Justizministerin Karin Schubert (beide SPD) und von Landeskriminaldirektor Rolf-Peter Wachholz nahm am Montag in Magdeburg die Beratungsstelle "Vera" ihre Arbeit auf. Das Projekt arbeitet in Trägerschaft des AWO Landesverbandes. Entwickelt wurde es in Zusammenarbeit von Frauen-, Justiz- und Innenministerium. Gefördert wird die Beratungsstelle zu 90 Prozent vom Ministerium für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales. Neben der psycho-sozialen Betreuung der Frauen will die Beratungsstelle auch einen Beitrag zu einer erfolgreicheren Strafverfolgung von Menschenhändlern leisten. Es sollen mehr betroffene Frauen ermutigt werden, als Zeuginnen in Strafverfahren gegen Frauenhändler auszusagen. Das Innenministerium hat dazu einen Erlass herausgegeben. Demnach sehen die Ausländerbehörden anders als bislang grundsätzlich für vier Wochen von Abschiebungen ab. Auch wird für diese Frauen keine Abschiebungshaft beantragt. Die Frauen sollen in dieser Zeit zum einen ihre Schreckenserlebnisse verarbeiten und ersten neuen Lebensmut schöpfen. Zum anderen sollen sie bestärkt und vorbereitet werden, als Zeuginnen aufzutreten. Gelingt dies nicht, kann die Zeit zur Vorbereitung der freiwilligen Rückkehr in das Heimatland genutzt werden. Tritt eine Frau als Zeugin in einem Strafverfahren auf, so sieht der Erlass eine Aufenthaltsduldung bis zum Prozessende vor. Aus den Reden: Frauenministerin Dr. Gerlinde Kuppe sagte bei der Eröffnung von "Vera": "Frauenhandel ist eine perfide Form der Gewalt gegen Frauen, die gravierendste Verletzung der Würde und der sexuellen Selbstbestimmung der Frau." Von Menschenhändlern unter Vortäuschung falscher Tatsachen nach Deutschland geschleust, gerieten die Frauen in eine schier ausweglose Abhängigkeit. Die Ministerin betonte: "Die Frauen haben keinen legalen Aufenthaltsstatus und keine legale Arbeitsmöglichkeit und sind daher den Zuhältern hilflos ausgeliefert. Die international organisierten Frauenhändler hingegen fahren ein einträgliches Geschäft ein. Allein für Deutschland wird der Gewinn der Frauenhändler auf jährlich 1,8 Milliarden Mark geschätzt. Das Risiko ist dabei verschwindend gering. Als Straftat ist Menschenhandel nur schwer beweisbar, gerade auch dann, wenn die Frauen als Zeuginnen im Strafverfahren nicht mehr als Zeuginnen zur Verfügung stehen. "Vera" ist ein Beitrag, um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen." Justizministerin Karin Schubert betonte: "Mit der Eröffnung der Beratungsstelle leistet das Land Sachsen-Anhalt einen weiteren bedeutenden Beitrag im Rahmen des Opferschutzes. Hilfe für die Frauen und Mädchen ist aus zwei Gesichtspunkten heraus unbedingt erforderlich: Zum einen haben die wenigsten Opfer den Mut, in einem Strafverfahren gegen die Täter auszusagen. Die Folge ist, dass sich entsprechende Ermittlungs- und Strafverfahren äußerst kompliziert gestalten und die Beweislage zu "dünn" ist, um die Täter angemessen zu verurteilen. Zum anderen ist "Vera" ein Baustein, um die Tätigkeit aller Behörden und Institutionen besser untereinander abzustimmen. Bislang ist es häufig so, dass die Opfer bereits vor einer Gerichtsverhandlung in ihr Heimatland abgeschoben werden. Sie stehen dann entweder gar nicht mehr oder nur nach einem aufwendigen und zeitraubenden Rechtshilfeverfahren als Zeugen zur Verfügung. Um eine angemessene Bestrafung für den Täter erreichen und somit Straftaten wie Menschenhandel und Zwangsprostitution wirksam bekämpfen zu können, ist jedoch die Aussage der Opfer und ein möglichst zügiges Strafverfahren erforderlich." Landeskriminaldirektor Rolf-Peter Wachholz verwies auf einen Bericht der Europäischen Kommission von Ende 1996, wonach in Westeuropa rund eine halbe Million ausländischer Mädchen und Frauen zur Prostitution gezwungen werden. In Deutschland liege die Zahl der offiziell registrierten Prostituierten bei 60.000. Von einer großen Dunkelziffer müsse ausgegangen werden. Wachholz betonte das entschiedene Vorgehen der Polizei gegen Menschenhandel und illegale Prostitution. Die Arbeit der Polizei sei dabei gekennzeichnet durch komplizierte und personalintensive Ermittlungen, die zunehmend internationale Vernetzung erfordere. Kennzeichnend für diesen Kriminalitätsbereich sei auch, dass nicht wie im Alltagsgeschehen der Polizei üblich, das Opfer die Anzeige erstattet, sondern oftmals erst offene und verdeckte polizeiliche Kontrollmaßnahmen das Dunkelfeld aufhellen müssten. Wachholz verwies in diesem Zusammenhang auch auf die neuen Möglichkeiten der Vermögensabschöpfung. Den Tätern soll somit die finanzielle Basis ihrer kriminellen Aktivitäten entzogen werden. In jeder Polizeidirektion des Landes wurden eigens dazu zwei sogenannte Vermögensermittler sowie im Landeskriminalamt weitere Spezialisten eingesetzt worden. Die AWO-Landesvorsitzende Rosemarie Hajek erklärte: "Mit der Beratungsstelle "Vera" will die Arbeiterwohlfahrt ein Hilfsangebot für jene Frauen leisten, die verschleppt, mißachtet und mißbraucht und damit ihrer Freiheit und Lebensperspektive beraubt wurden. Die AWO leistet solidarische Hilfe und stellt sich zugleich den unmenschlichen Praktiken der Frauenhändler entgegen. Wer für Toleranz und Freiheit eintritt, hat im gleichen Maße Verantwortung für die Opfer des Menschenhandels, hat Verantwortung für ihre Rechte ohne Ansehen ihrer Herkunft. Wir stehen für diese Werte ein", so die AWO-Landesvorsitzende. Zur Beratungsstelle: Der Name "Vera" steht im Russischen für Glaube und Vertrauen. Die Beratungsstelle will den Frauen den Weg zurück in ein menschenwürdiges Leben bereiten. In der Beratungsstelle sind zunächst zwei Sozialpädagoginnen beschäftigt. Sie organisieren für die betroffenen Frauen in deren jeweiliger Muttersprache eine psycho-soziale Betreuung. Die Opfer erfahren Beratung in aufenthaltsrechtlichen Fragen sowie in Sozialhilfe- und Wohnungsangelegenheiten. "Vera" organisiert dazu die Zusammenarbeit mit Ausländerbehörden, der Polizei und Justiz sowie mit Rechtsanwältinnen, mit Gesundheits- und Sozialämtern sowie mit Psychologinnen. Zugleich werden Kontakte in das jeweilige Heimatland der Frauen geknüpft. Darüber hinaus hat sich "Vera" die Präventionsarbeit auf ihre Fahnen geschrieben. Mit Vorträgen über Frauenhandel soll die Bevölkerung informiert und aufgeklärt werden. Menschenhandel und Zwangsprostitution haben sich mittlerweile auch in Sachsen-Anhalt etabliert. Experten gehen von rund 1.500 illegalen Prostituierten im Land aus, wovon etwa die Hälfte Opfer von Menschenhandel sind. Etwa 90 Prozent dieser Frauen stammen aus osteuropäischen Ländern und aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, was ohne Zweifel in der wirtschaftlichen Not dieser Länder begründet liegt. Regelrecht verschleppt worden sind die wenigsten der betroffenen Frauen. Viele von Ihnen werden unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Sie hoffen auf einen gutbezahlten Job im Hotel, in der Bar, als Au-pair oder Model. Letztlich landen sie jedoch im Bordell oder auf dem Straßenstrich. Andere wissen zwar, dass sie als Prostituierte arbeiten würden. Die Bedingungen kennen sie jedoch nicht. Ihnen werden von den Zuhältern die Papiere abgenommen, sie werden eingesperrt, bedroht, geschlagen und vergewaltigt. Der direkte Kontakt zu "Vera" erfolgt über den AWO-Landesverband. AWO Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. Vera ¿ Fachberatung für Frauen, die vom Menschenhandel betroffen sind Klausenerstr. 17 39112 Magdeburg Tel.: 0170 / 6 80 94 74 E-mail: vera@awo-lsa.de http://www.awo-lsa.de Impressum: Ministerium für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales Pressestelle Seepark 5-7 39116 Magdeburg Tel: (0391) 567-4607 Fax: (0391) 567-4622 Mail: ms-presse@ms.lsa-net.de

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